Freitag, 14. März 2014








 Foto: Lothar Haunert





Gedankenimpuls. 
Bestäubungsprozess Biene-Blüte 
aus neurowissenschaftlicher Sicht.

(nach Antonio Damasio, Descartes' Irrtum, 2006)


... Bienen verfügen also über einen Seh- und Bewegungsapparat, der es ihnen ermöglicht, Blütenfarben zu unterscheiden, zu fliegen und zu landen. Sie lassen sich aber nicht auf jeder Blüte nieder, sondern landen gezielt auf Blüten, die eher Nektar versprechen als andere; sie können soz. vorhersagen, welche Blüten vielversprechender sind. Leslie Real z.B., der das Verhalten von Arbeiterinnen der Hummel erforscht hat, meint, dass Hummeln durch die Häufigkeit von Belohnungszuständen gewissermaßen Wahrscheinlichkeitsvorhersagen entwickeln.

Damasio fragt: wie ist es möglich, dass Bienen mit ihrem bescheidenen Nervensystem Verhaltensweisen hervorbringen, die eine gewisse ‚Vernunft’ voraussetzen – d.h. die Verwendung von Wissen, Wahrscheinlichkeitstheorie und zielorientierter Denkstrategie.

Das einfache, aber leistungsstarke System der Biene hat die Fähigkeit, Reize zu entdecken, die eine Belohnung darstellen, (der Nektar aus einer Blüte mit einer bestimmten Farbe), deren Wertschätzung ihr angeboren ist. Die Belohnung oder das Fehlen einer Belohnung hat jeweils Einfluss auf das motorische System der Biene und veranlasst sie zu landen oder nicht. (Dazu gibt es verhaltensbestimmte und neurobiologische Daten von Montague, Dayan, Sejnowsi)
Nun haben Bienen ein unspezifisches Neurotransmittersystem, das wahrscheinlich auf Oktopamin basiert, etwa ähnlich dem Dopaminsystem der Säugetiere. Bei Belohnung (Nektar) schickt das nichtspezifische System Sígnale an das visuelle und motorische System der Biene und bewirkt dadurch Veränderung ihres Grundverhaltens. Das motorische System der Biene ist soz. geneigt, beim nächsten Mal wieder auf einer gelben Blüte zu landen, wenn die Belohnung mit Nektar auf einer gelben Blüte verbunden war. Die Biene trifft ihre Wahl dabei natürlich nicht ‚bewusst’, vorsätzlich, sondern mit ihrem biologisch mechanischem ‚Apparat’, der spezifische angeborene Wertvorstellungen, Präferenzen enthält. Da die Biene ein ziemlich begrenztes Kurzzeitgedächtnis hat, muss die Zahl der Fälle, auf deren Grundlage das Präferenzsystem arbeitet, auch sehr begrenzt sein; offenbar genügen schon zwei/drei Anflüge zu einer bestimmten Blüte, um zukünftig so viel wie möglich Nektar mit so wenig wie möglich Risiko zu gewinnen.

Interessant ist, wie Damasio (der erfreulicherweise zu den Wissenschaftlern gehört, die über das, was sie forschen, auch nach-denken) dann in der Folge über die Rolle der (durch somatische Zustände oder deren Surrogate bewirkten) Intuition im Gesamtprozess der Entscheidungsfindung beim Menschen spricht...

Maria Reinecke, Berlin




Der Bestäubungsvorgang Hummel-Blüte aus prozessphilosophischer/zwischenräumlicher Sicht
 
(Frei nach einem Beispiel von B. Gill, 2007: „Über Whitehead und Mead zur Aktor-Netzwerk-Theorie: Die Überwindung des Dualismus von Geist und Materie und der Preis, der dafür zu bezahlen ist“)


... Auf einer kleinen Wiese entdecke ich einen Kirschbaum, um dessen Blüten eine Hummel kreist. Ich gehe näher heran, bleibe stehen und werde jetzt Zeugin eines Bestäubungsvorganges - allgemein lapidar definiert als ‚Übertragung von Pollen durch Insekten auf die Narbe von Blüten’.

Doch in diesem Augenblick, an diesem Ort, im Strahl der Sonne, wird der bloße Ablauf zu einem einmaligen Ereignis zwischen zwei intensiv interagierenden, symmetrisch aufeinander bezogenen, sich aufeinander einstellenden  Wesen: Blüte und Hummel. Die Blüte bietet sich in ihrer ganzen weiß-rosafarbenen Pracht dar; sie duftet verlockend und streckt ihre leuchtenden Blätter weit vibrierend aus. Die Hummel nimmt ihren Glanz und Duft wahr, versucht, mehr davon zu bekommen, schwebt, bewegt sich vorsichtig auf die Blüte zu, umkreist sie schnuppernd, tastet sich vor, lässt sich sanft auf ihr nieder. Und es beginnt der abenteuerliche raumzeitliche Prozess eines konkreten intimen Stoffwechselaustauschs zwischen dieser Hummel und dieser Kirschblüte; beide individuellen Entitäten begegnen, präsentieren sich mit ihren spezifischen Farb- und Duftstoffen, Geruchs- und Geschmacksorganen; verschmelzen mit ihren Säften, Stoffen, tauschen sich bis in die molekularen, atomaren Bereiche hinein wechselseitig aus, erfahren Veränderung, bilden sich neu: ein Ereignis, das für beide wesentlich konstitutiv ist und auf das sie angewiesen sind. Hummel und Kirschblüte befinden sich so in ständiger Kreation, und die Natur, die Welt und wir um sie herum gleichermaßen.

Und was geschieht mit mir in diesem Augenblick?
Mein subjektives Empfinden ist in der Unmittelbarkeit dieses Bestäubungs-Ereignisses verwurzelt.  Was sich da gerade vor mir ereignet hat, geht als objektives Datum in mich ein, bewegt mich, verändert mich spürbar, und ich gehe neu gestimmt weiter...
                                                                                                 
Maria Reinecke, Berlin, 2014


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Sonntag, 17. Februar 2013

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   Gedanken zur Ereignishaftigkeit von Natur

   Eine zwischenräumliche/prozessphilosophische Betrachtung 

 BodenSymposium 2012 in München www.bodensymposium.de 

Maria Reinecke

 

Sorry, der Text zu dem o.g. Vortrag anlässlich des BodenSymposiums 2012 in München www.bodensymposium.de   darf leider nicht mehr online zur Verfügung gestellt werden. 
Er findet sich jetzt in der Dokumentation: www.bodensymposium.de/dokumentation






Worum ging es in diesem Vortrag?

Abstract:  

 
Wir haben ein natürliches intuitives Wissen/Verständnis von der Bedeutsamkeit und Werthaftigkeit der Natur; und es gehört zu dem Bereich unseres zivilisatorischen Selbstverständnisses, sie als lebendige Natur in unsere ästhetischen und moralisch-ethischen Überlegungen, Ziele, Handlungen, Vorstellungen mit einzubeziehen.

Dem gegenüber steht eine 'wertefreie Wissenschaft der reinen Fakten', die aufgrund eines verabsolutierten Kausalitätsbegriffs weder Zweckverursachung noch irgendeine aktive Realisation  von Werten zulässt. Jeglicher teleologische Charakter lebendigen  Selbstseins bleibt in ihr unberücksichtigt. Die Natur als reine Aktivität  unterliegt lediglich einer Formel für Sukzession. Natur und Leben sind getrennt.  

Das am Exaktheitsideal der Naturwissenschaft orientierte Denken hat sich damit von jeglichem zivilisatorischen Selbstverständnis entfernt.  Die Natur wurde so auch in der allgemeinen Vorstellung auf einen neutralen Prozess bloß ablaufender Aktivitäten reduziert und  als ausbeutbare, beliebig manipulierbare, 'tote' Sache  zurück gelassen. Angesichts einer heillos verwundeten Natur weltweit darf gefragt werden, ob die Trennung von einer Wertewelt hier und einer wertefreien Wissenschaft dort bei der Bewältigung der anstehenden Probleme vernünftig ist. Das ist nicht nur ein wissenschaftstheoretisches Problem, sondern berührt die grundsätzliche Frage, wie wir insgesamt rational über Natur und Wirklichkeit als Ganzes  denken wollen. Wie wir denken, so leben und handeln wir.

A. N. Whitehead (1861-1947) entwickelt in seinem Hauptwerk Prozess und Realität (1929) eine systematische Gegenposition zu den Dichotomien festgefahrenen  westeuropäischen Denkens:  gegen die Trennung zweier vermeintlich entgegengesetzter Seinsbereiche von Natur und Geist; gegen die Spaltung der Natur in Subjektivismus und Mechanizismus; gegen das Erkenntnisideal einer rein objektiven  Naturwissenschaft im Gegensatz zu den Geistes-Wissenschaften.  Whiteheads prozessphilosophisches Denken zielt auf ein rationales, kohärentes Verständnis der Natur als Ganzes, wobei Kohärenz  das entscheidende Rationalitätsprinzip ist; Grundlage für ein zivilisiertes Leben, für ein zivilisiertes Universum.

Die  Grundprinzipien prozesshilosophischen Denkens nach Whitehead:
  1.  Das ontologische Prinzip: die elementarsten Tatsachen sind wirkliche Ereignisse
  2.  Das Prinzip des Prozesses: Die Welt als ein interaktives Beziehungsgeflecht wirklicher   Ereignisse.
  3.  Das Relationalitätsprinzip: wirkliche Ereignisse können nur durch ein ‚Erfassen und  in sich Aufnehmen’ von anderen Ereignissen entstehen, in universeller Verbundenheit, Abhängigkeit.
  4.  Das Prinzip der Wirk- und Zweckverursachung: jedes wirkliche Ereignis ist sowohl aktiv erfassendes/erfahrendes Subjekt als auch erfasstes Objekt und wird damit zum Datum für andere Ereignisse; weder nur Subjekt noch nur Objekt, sondern ‚Superjekt’.

Es soll versucht werdern, die Ereignishaftigkeit von Natur aus prozessphilosophischer Sicht zu konkretisieren.



Maria Reinecke, Berlin, 2014
 
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